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Montag, 13. Dezember 2010

Nightliner Track 2: Katzenaugensonnenaufgang

Twist brauchte eine Pause. Also machten wir unsere Schlafsäcke zurecht, denn am Ende des Himmels wurde es wieder heller. Ed setzte sich auf seine Woll-Decke, die er überall hin mitnahm und schälte sich eine Mandarine, der Prof. schaute nur apathisch in den Horizont hinein. „Suchst du was, Prof.?“, fragte ich. „Einen Sinn, Floppy. Ich suche einen Sinn.“ – „Den Sinn für unsere Reise? Für unser Dasein? Wofür?“ - „Für uns. Das Projekt ist vielleicht waghalsig, doch es ist der einzige Ausweg aus unserer Ausgrenzung gegenüber den anderen Menschen.“ Seine weiße Iris wurde nun stärker sichtbar und die Pupillen zogen sich zu den Schlitzen zusammen, die jeder von uns in den Augen hat, wenn die Sonne auf unser Antlitz einstrahlt. Twist schloss die Augen und zwischen den Lidern flossen kleine Bäche aus Tränen seine blassen Wangen hinunter. Ed nahm ihn wortlos in den Arm und schloss ebenfalls die Augen. „Prof., wir müssen schlafen.“ – „Schlafen und hoffen, dass uns hier niemand findet.“, vervollständigter er meinen Satz.
Es gab mal eine Zeit, in der ich am Tag spazieren gehen konnte, ohne Sonnenbrille tragen zu müssen. Eine Zeit, in der ich wohl in die Gesellschaft eingegliedert war. Doch die Zeit ist schon einige Jahre her. Ich vermisse sie. Ich empfinde mich nicht einmal als eine Weiterentwicklung der menschlichen Spezies. Es ist wie eine Behinderung, nur in der Nacht wach sein zu können. Ich würde mir am liebsten endlich mal wieder einen Sonnenaufgang anschauen, doch sobald ich in das Tageslicht sehe, ist es als würden tausende spiralförmige Nadeln in meine Augäpfel stechen und das Gallert herausschälen.
Ich zog den Reißverschluss meines Schlafsackes zu und legte mich in eine halbwegs angenehme Position. Welche Erde trägt mich noch, welche Arme der Allmutter halten mich? Twist schluchzte leise und Ed redete ihm gut zu. Dann schlief ich bei der aufgehenden Sonne ein.

Nightliner Track 1: --

Die Nacht war kühl, etwas zu kühl für Mitte Juni, doch der Prof. sprach mir nette Worte zu und so band ich mir nur die Schuhe, bevor ich meinen Körper wieder in eine aufrechte Haltung bewegte. Ein tiefer Atemzug signalisierte meinem Gehirn, dass wir schon weit von Erfurt weg waren und uns nur die Schwärze und die klare Luft blieb. Hohes Gras drückte sich links und rechts neben dem Asphalt hervor und die Röte, welche Erfurt hinter uns in den Himmel spie, wurde durch die unberührte Pflanzenwelt dieser selten befahrenen Landstraße einfach erstickt. Das Rauschen des Mischwaldes zu unserer Linken und das Flüstern eines kleinen Bachlaufes zu unserer Rechten entspannte mich ein wenig mehr und ich fischte eine knittrige Zigarette aus dem Softpack. Der Prof. drehte sich zu mir um und ich konnte seine blasse Haut mit den tiefen Furchen im Mondlicht so gut erkennen, als ob es jemand mit einer Spiegelreflexkamera fotografiert und die Kontraste erhöht hätte. „Vegas liegt noch einige Kilometer entfernt. In ein paar Wochen müssten wir dort ankommen.“
Achja. Vegas. Der Grund, weswegen wir eigentlich hier durch die nächtlichen Wälder Thüringens wanderten. Nicht Las Vegas. Jeder weiß, dass Las Vegas in Amerika ist und da zu Fuß hin zu gehen, wäre einfach nur eine idiotische Idee. Wir müssten Jahre laufen. Und schwimmen. Nein, das Vegas, welches der Prof. meinte, war ein anderes.
Ich nickte stumm und folgte ihm weiter auf dem bröckelnden Asphalt dieser Bundesstraße. In weiter Ferne sah ich ein paar grellblaue Xenon-Scheinwerfer durch die Bäume rennen. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und drehte mich von dem vorbeifahrenden Auto weg . Wenn man Fahrzeuge nur hört, nicht sieht, ist der Doppler-Effekt viel verblüffender.
Für einen Moment bestand noch die Lähmung doch Twist klatschte mir leicht gegen die Wange und ich kam wieder zur Besinnung. Manchmal vergas ich einfach, dass er da war. Twist war immer so ruhig. Sein Stadium sei noch sehr früh, sagte mal der Prof. zu mir, als Twist versuchte auf dieser Party ein Mädel klar zu machen doch kaum reden konnte. Irgendwann verzog er sich ins dunkle Badezimmer und hörte Musik über seinen MP3-Player. Das Bad war glücklicherweise fensterlos, sodass Twist dort entspannen konnte. „Danke, Twist.“, sagte ich zu ihm und er zog mich, wie ein kleines Kind am Ärmel und signalisierte mir, dass er weiter wollte. Vegas. ‚Ich hoffe es ist keine Illusion, die uns der Prof. da auftischt.‘, sagte ich still in diesem Moment zu mir, atmete noch einmal tief diese wunderbare Nachtluft ein und folgte den Konturen des schwarzen Ledermantels von Ed, der gerade vom Pinkeln wieder kam.