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Mittwoch, 16. November 2011

Eldorado 2

Das goldene, am Innenspiegel baumelnde Dogtag blitzt in der von rechts ins Auto scheinenden Nachmittagssonne; wie ein sehr langsam eingestelltes Stroboskoplicht. Blitz... Blitz... Blitz. Ich nehme es ab, halte es mir vors Gesicht und drehe es in der einen Hand hin und her, während ich mit der anderen das riesige Fahrzeug auf der mittleren Spur der vollkommen leergefegten Autobahn halte. Kaum zu glauben eigentlich, dass ich eins der Symbole des besten Einzelgänger-Zombiejägers, von dem ich je gehört habe in der Hand halte, während ich in dem anderen eine leere Autobahn entlangfahre. "Eldorado" steht auf der Hälfte des Dogtags, die ich in der Hand halte. In feinen, verschlungenen Buchstaben. Ihr Zwilling, die andere Hälfte, liegt auf dem Steinhaufen, unter dem ich seine beinahe kopflose Leiche begraben habe. Er hat sich eben den falschen Schlafenden zum Ausrauben ausgesucht und mein Symbol - die riesige silberne 12,7x99mm-Patrone - leider zu spät, nämlich erst beim Durchsuchen meiner inneren Jackentasche entdeckt. Woraufhin er wohl lieber eine Ladung Schrot fraß, als darauf zu warten, hirn- und seelenlos durch die Welt zu ziehen.

Ich gehe vom Gas und hänge das Dogtag wieder an seinen Platz, um einer Gruppe Untoter hinter der Leitplanke beim Grasen zuzusehen. Ein dämliches Wort für ihr Verhalten, aber wie sie da so stehen, so weit wie möglich nach vorne gebeugt, den Rücken zur Sonne und die Arme hin und her pendelnd, passt es eben wie die Faust aufs Auge. Als ich vorbeifahre, schrecken einige von ihnen hoch und stieren in meine Richtung, bevor sie sich wieder nach vorne beugen und weiter Sonne tanken.

Ich fühle mich wie der König der Welt. Nicht wie in dieser behinderten und tausendmal parodierten Szene aus Titanic, sondern irgendwie cooler. Ich hab den Zombiejäger Nummer 1 besiegt, und das ganz buchstäblich im Schlaf und obwohl es nun wirklich nicht meine Absicht war. Außerdem stehe ich in dieser ganzen Scheiße zwar irgendwie zwischen den Fronten, aber auf eine ziemlich abgefahrene Art. Die Hirnlosen greifen mich nicht an, weil ich das Virus ja habe und die mit Hirn greifen mich nicht an, weil ich eben Hirn habe und, mit diesem Auto mehr denn je, aussehe wie einer von den Guten. Dass ich hochansteckend bin, muss ja keiner wissen. Jetzt ist die ganze Welt mein Eldorado, sie liegt mir zu Füßen, ich kann mir nehmen was ich will und leben wie Gott in Frankreich. Zwischen eigentlich ganz liebenswerten Zombies und etwas gestressten, aber trotzdem ganz netten Menschen.

Mittwoch, 16. Februar 2011

Zombie

Er lehnte seinen Kopf an die kalte, leicht beschlagene Seitenscheibe des Vans, ließ seinen Körper in die weiche Wohligkeit des Sitzes sinken und verfolgte mit seinen Augen die weißen und blauen Lichter, die wie Seelen auf ihrer letzten Fahrt auf der anderen Seite des Grünstreifens an ihm vorübersausten. Wie leuchtende Motten auf dem Weg zum Mond oder zur nächsten Straßenlaterne. Böse schimmerten weiße Xenon-Lichter von hinten in das Dunkel des Fahrzeugs hinein, dann zogen sie weiter und ließen diese unbestimmte Schwärze, dieses Grau, das zu dunkel für grau war den Innenraum erneut fluten und er war froh darüber. Auf den vorderen Sitzen unterhielten sich der Fahrer und die beiden anderen Personen leise, er konnte sie nicht verstehen, sollte sie nicht verstehen. Aber sie redeten über ihn. Das mussten sie.

Die zur Hälfte bereits rot-schwarz verschorfte Wunde mit den gelblichen Eiterflecken an seinem Hals tropfte rot-schwarze Flecken auf seine zerrissene Hose und den rot-schwarzen Sitzbezug. Die Lichter auf der anderen Seite hatten einen fast unmerklichen, aber stärker werdenden Rotstich und verschwammen ganz leicht auf seiner Netzhaut. Sie störten ihn, machten ihn wütend. Er schloss die Augen. Rote Adern pulsierten in seinen Lidern, von außen angestrahlt durch tausende rotstichig-weiße, störende Lichter. Das Pulsieren beschleunigte sich mit seinem Herzschlag, wurde stärker mit der Erhöhung seines Blutdrucks und schürte die tief sitzende Wut zu einer Flamme, die sich für einen Moment in pure Raserei verwandelte und einen unartikulierten, kehligen Schrei durch seine zum Zerreißen gespannten Stimmbänder presste.

Der Van wurde langsamer und kam auf einem dunklen Parkplatz am Rand der Autobahn zum Stehen. Hier waren keine Lichter, keine flackernden Schreckgespenster. Die Türen wurden aufgestoßen, kalte Nachtluft strömte herein und jemand machte sich an den Haltegurten zu schaffen, die seine Beine, Arme und seinen Oberkörper festhielten. Wie eine Leiche fiel er seitlich auf den Asphalt, der Schmerz machte ihn wieder wütend und die Taschenlampe rechts von ihm ließ die Glut der kurz erloschene Flamme wieder auflodern. Er stemmte sich stöhnend auf die Füße und stolperte auf den am nächsten stehenden der dunklen Schatten vor dem dunklen, schattigen Wald zu. Aus dem kleinen Schatten löste sich ein silbrig glänzendes Ding. Und in der halben Sekunde, in der sich ein Finger um den Abzug krümmte und er die Kugel auf sich zurasen sah, konnte er sich erinnern. Wie eine Springflut stürmte sein ganzes Leben auf ihn ein. Der Schatten war so vertraut, der Wald, das Auto, er kannte das alles, war so oft hiergewesen. Das Weinen der Frau die er geliebt hatte wurde begleitet von dem Gefühl, dass etwas Heißes durch seine Stirn drang und den Rest seines Gehirns endgültig zerstörte.