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Dienstag, 13. Juli 2010

Geisterwelt

Kalter Wind zieht durch die Straßen wie Gevatter Tod auf der Suche nach Jüngern. Mal zieht er hierhin, mal dorthin, nie hält er inne. Die junge Frau hat den Mantel eng um den Leib geschlungen und den Kopf schützend gesenkt, damit der Wind nicht die wertvolle Wärme aus ihrem Körper zieht und dem alten Sensemann das Spiel zu leicht macht. Ihre Lippen bewegen sich leicht, man könnte meinen, sie würden zittern vor Kälte, tatsächlich aber spricht sie. "Seid nüchtern und wacht, denn euer Widersacher, der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlinge." Die Hauswände, an denen sie ihr Weg bereits vorbeigeführt hat, tragen ebendiesen Bibelvers in dunkelroter Farbe. Niemand beschwert sich darüber, die wenigsten sehen ihr Haus überhaupt noch von außen, denn draußen sind der Wind und manchmal auch der Regen. Beide tödlich wie der Teufel persönlich. Verseucht von Jahrzehnten des achtlosen Dahinvegetierens, kalt, weil das Licht der Sonne nicht mehr zur Erde dringen kann. Schon bald wird diese kleine Stadt eine Geisterstadt sein, eine Stadt, deren Bewohner als böse Geister umherwandern, die einsame Wanderer in ihre kleine Hölle mitnehmen und nie wieder freilassen. Eine kalte Windböe reißt der jungen Frau die Spraydose aus der Hand...

Donnerstag, 21. Januar 2010

Necropolis

Selten findet ein Reisender seinen Weg in dieses verlassene, dicht bewaldete und nur von wenigen Menschen besiedelte Gebiet. Doch es geschah nach Jahren wieder, und wieder tat besagter Reisende, wie schon seine wenigen Vorgänger, den Fehler vom schmalen Pfad abzuweichen, der ihn sicher an sein Ziel gebracht hätte, und die breitere, wohl dem Anschein nach regelmäßig befahrene, Straße zu begehen. Es schien ihn nicht einmal zu wundern, daß diese Kreuzung nicht auf seiner Karte verzeichnet war. Nun trabte sein fauler Gaul unter ihm voran und es wurde mit jeder Meile stiller bis schreiendes Schweigen die Natur übertönte und brachiale Finsternis den Sonnenuntergang im Wachabwechsel des Tages ersetzte. Es schien als würde kein einziger Stern die unendlichen Weiten über dem Kopfe des Reiters erleuchten. Undurchdringliches Blätterdach wölbte sich kathedralengleich über der Straße und der Reiter stoppte den Kläpper um sein Lager am Wegesrand zu errichten. Noch immer machte ihm die unheimliche Stille nicht stutzig, aber es mochte auch an seiner übermäßigen Müdigkeit liegen, ausgelöst durch wochenlanges Reiten durch weitesgehend menschenleere, verlassene Gegenden.
Er fiel schnell in einen erschöpften Schlaf und begann zu Träumen ...
Martialisch erhebt sich der finstere Turm über der weiten Ebene. Grau in grau fließt das kontrastarme Bild. Der Mann streifte sich durch das Gesicht und stellte fest, daß sich eine dünne Schicht feinen Staubes darauf gelegt hatte. Er war feucht wegen des Schweißes. Es war brütend heiß obwohl kein Sonnenlicht auszumachen war in dieser seltsamen Gegend. Erst nach längerer Zeit merkte er, daß er sich stetig fortbewegte, schaute an sich herab und sah seine Beine einen Fuß vor den Anderen setzen. Er hielt in der Bewegung inne. Wie war er hier hergeraten? Er wußte es nicht und nach kurzer Überlegung setzte er seinen Weg fort. Es zog ihn aus irgendeinem Grund zu diesem schrecklichen Turm mit den tausenden Zinnen und ungeometrischen auswüchsen in alle erdenklichen und unerdenklichen Richtungen. Das Gelände wurde felsiger und nach einer gefühlten Ewigkeit stand er am Fuße des gigantischen, unmenschlichen, nahezu erschrekenden Bauwerks, welches in seiner majestätischen Größe selbst dem besten Architekten Ehrfurcht einflößen und ihn zugleich über den Irrsinn einer solchen Bestie fluchen ließe. Einzig das Tor, vor dem der Mann nun stand, war von enormen Ausmaßen. Vom obersten Ende bis zum staubigen Boden war es mit den Reliefs schreiender Gesichter verziert. Jedem einzelnen sah man die blanke Wahnsinnsangst des Modells an. Sie waren von einer Plastizität, einer Authentizität, welche erschreckend war. Mit einem ohrenbetäubenden Dröhnen begannen sich die Pforten des Tores zu öffnen. Es schwoll progressiv zu einem schrillen kreischenden Qietschen, das schlußendlich abrupt verstummte. Der Mann nahm die Hände von den Ohren, die er zum Schutz darauf gedrückt hatte, was allerdings die Lautstärke nur minimal verringern konnte. Er hatte ein wahnsinnig machendes Klingeln in den Ohren, daß jedoch abzuklingen schien. Seine Schritte hallten in der großen schwarzen Halle, welche an manchen Enden erleuchtet war, recht verwinkelt schien und trotz der wenigen Lichter selbst bis in hinterste Eckchen einzusehen war. Alles schien auf eine befremdliche Art organisch zu sein. Er kniete sich nieder und betrachtete den Boden zunächst, welcher von einem spinnennetzartigen Muster komplett überzogen war. Mit einem Finger berührte er ihn und bemerkte, daß es massiver Stein war. Er richtete sich wieder auf und spürte einen sanften Lufthauch, der so leicht war, daß man ihn unter normalen Umständen vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte. Er folgte ihm und gelangte zu einem schmalen Gang, desssen Ausmaße im Gegensatz zum sonstigen Gigantismus des Bauwerks lächerlich winzig erschienen. Er betrat ihn und stellte erst nach einer gehörigen Wegstrecke fest, daß er ansteigend war. Die Wände waren mit gräßlichen Reliefs behauen, welche unwirkliche Szenen von unaussprechlichem, surrealen Grauen berichten ließen. Ein krächzendes Geräusch, so leise und so zart. Es kam näher und nun vernahm er auch ein Schlurfen, als würde zerrissener Stoff und gewetztes Fleisch über den Boden geschliffen. Es grauste ihn und trieb ihn an schneller weiterzugehen. Weiter und weiter. Der Gang wechselte sich nun immer öfter mit kleineren Räumen ab und das schlurfende Geräusch schien sich seiner Laufgeschwindigkeit anzupassen, näher zu kommen, immer dichter. Nach einer Ewigkeit öffnete sich der Gang und der Mann kam auf einen kleinen, nahezu winzigen, Balkon hoch über dem Erdboden. Er war fast an der Spitze des Turms. Wie lange muß er durch diesen Gang gelaufen sein? Hier draußen herschte Stille. Sie brüllte ihn förmlich an; und da war wieder das Krächzen und Schlurfen. Es wurde lauter und kam immer dichter. Es gab keinen Weg hinaus aus der Situation. Als er dann den Gestank verfaulten Fleisches roch und die zerfetzte Gestalt im Torbogen zum Gang erblickte, packte ihn der Wahnsinn. Grauenerregend sah es aus, dieses Ding. Fetzen von graugrüner, vergammelter Haut schienen ihm schier vom Körper zu fließen und klatschten mit einem feuchten, übelkeiterregenden Geräusch auf den Boden. Es kam dichter und packte ihn. Er schlug es weg und es landete auf dem Boden. Als er an ihm vorbei wollte, griff es nach seinem Knöchel und er stürzte ebenfalls nieder. Schneller, als er sich versah, war es über ihm, hatte seine fauligen Zähne in sein Gesicht gegraben und zerriß es mit einer bestialischen Kraft.
Als der Tag graute, lag der Reiter tot am Straßenrand und auch sein fauler Gaul war nicht mehr lebendig.
Wochen nach dieser Nacht war nicht viel mehr als ein Häufchen Knochen und etwas Staub zu finden; und als nach langer Zeit erneut ein Reisender, sein Schicksal besiegelnd, diesen Weg einschlug, war nichts mehr zu finden von ihm und seinem Kläpper.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Kolossos

Dunkelheit umhült mich, begräbt mich hier unten, tief unter der Oberfläche des schwarzen Ozeans. Es ist so kalt und trotzdem friere ich nicht. Nur den Druck der auf mir lastet von tausenden und abertausenden von Litern Wasser presst auf meinem stählernen Leib. ich öffne für einen Moment meine Augen, die kurz einen feuerroten Schein dumpfen Lichtes in die Finsternis dieses Ortes entlassen. Ich sehe nur ein paar Felsen und Schlick und dahinter die Tiefe unergründliche schwärze des Meeresbodens. In dieser kargen und finsteren Welt liegen ich nun schon seit tausenden von Jahren, seit mich der alte Magier hierher verbannte. Lange Zeit verwandte ich darauf nach Rache zu sinnen und Pläne zu schmieden wie ich diese Vendetta vollziehen würde. Irgendwann erschien es mir nicht mehr so wichtig und ich wollte nur noch meine Freiheit. Doch auch diesen wunsch verwarf ich bald und fand mich damit ab meine Tage und Wochen und Jahre hier zu verweilen in diesem dunklen, kalten erdrückend schweren Gefängnis. Ich spüre ein erzittern der Erde unter mir und sehe es heller werden über mir. Die Last des Wassers scheint zu verschwinden. Ich kann aufstehen. Ich tue es und gehe los. Ich wandere über den Meeresboden bis zur Küste. Ich erhebe mich aus meinem Gefängnis und erblicke zum ersten mal seit Ewigkeiten die Sonne und den blauen Himmel. Wasser, welches ich aus der Tiefe des Meeres mitgebracht habe läuft meinen Körper herrab über Rost und angeheftete Muscheln. Tang hängt an mir, aber das kümmert mich nicht, denn ich bin frei.

Sonntag, 15. November 2009

creātūra

Also da sitz ich nun den ganzen Tag vor einem schwarzweißen Monitor und tippe Befehle und schreibe Scripte. Ich weiß, daß man es nicht Tag nennen kann, wenn ich mir um zwei Uhr nachts mein Mittagessen koche und auf das Abendessen um sechs verzichte. Und trotzdem ist da dieser Monitor und diese Tastatur auf der ich seit Stunden, Tagen oder vielleicht auch Wochen schon herumhacke. Und ich bleibe doch immer wieder an den selben Stellen stehen und frage mich, ob es denn gar keine Lösung dafür gibt. Da arbeitet man Stunde um Stunde und dann hängt man wieder am selben Punkt fest, den man schon längst gelöst glaubte.
Mir verschwimmt der Code vor den Augen. Die Musik fickt mein Gehirn. Das ganze ist kein Spiel mehr.
Ich fasse mir an die Stirn und spüre, daß sie eiskalt ist. Was mach ich nur? Chaotische Gedanken machen sich wie Unkraut breit. Sie verschlingen alles was sich nach dem Licht empor reckt und leben will. Wie in einer abstrusen Perversion einer Umarmung schließen mich diese Gedanken ein und beginnen meine Seele zu zerreiben.
Ich hebe den Blick wieder und starre leer auf die Zeilen. Nur die tiefe Schwärze dazwischen nehme ich war. Es muß doch eine Möglichkeit geben das zu schaffen. Noch immer verschwimmt alles. Selbst meine Gedanken verwischen, wie ein frisch gemaltes Bild, das ins Wasser fällt. Nebulös bleiben sie ungreifbar und flüchtig.
Tief atme ich ein und aus, schaue auf die Tastatur und beginne weiter zu schreiben: Befehle, Schleifen, Aufrufe, Variablen, Abfragen, Möglichkeiten und Alternativen. Ich lösche Zeile um Zeile und schreibe sie neu, lösche sie wieder und schreibe sie wiederum neu. Es ist wie ein Genom. Mit jeder Änderung gehe ich Tiefer unter die Oberfläche des Systems, greife immer weiter in die Prozesse ein, die es steuern. Es mutiert vor meinen Augen und paßt sich seiner Umgebung an. Mit jeder weiteren Zeile des Codes werde ich immer mehr ein Teil dieser Sache und sehe, wie sie sich entwickelt; sehe, wie ich mich selbst entwickle und zu etwas Neuem herranwachse. Ich verschmelze mit dieser Maschine. Ich denke ihre Gedanken und träume ihre Träume. Kabel scheinen aus meinen Gedanken heraus durch meine Finger direkte Verbindung mit ihr aufzunehmen. Es entsteht ein Netzwerk, dessen wichtigste Schnittstelle nun meine Hände sind, die wie der Schlitten eines Webstuhls, von links nach rechts und zurück huschend, in hoher Geschwindigkeit ein virtuelles Muster kreieren - weben.
Meine Augen, die nur noch verschwommen Umrisse wahrnehmen, werden überflüssig und mein Blickfeld wird immer kleiner und schmaler. Meine innere Vorstellung schickt alles direkt an meine Hände weiter. Jedes Quäntchen an Daten wird direkt abstrahiert und in das Elektronengehirn geschrieben, ohne auch nur einen Abgleich auf Korrektheit nach sich zu ziehen. Ich bin eins mit ihr, mit dieser Maschine. Drähte und Kabel durchbrechen meine Haut und verbinden sich mit ihr. Meine Augen quellen aus den Hölen und zerplatzen. Weiß glänzend im Licht des Monitors läuft das Gallert mein Gesicht herrab. Dahinter bilden sich Buchsen heraus, welche sofort von Umherschwirrenden Datenkabeln in Anspruch genommen werden. Direktes Input durchströmt die Synapsen in meinem Gehirn. Der Maschinencode schreib sich in meinen sensomotorischen Bereich und das limbische System. Er beginnt meine Bewegungen zu kontrollieren und meine Emotionen zu überschreiben, bis kein Byte antilogischer Handlungsweisen mehr die Funktionalität der Einheit und ihrer Komponenten beeinträchtigt. Botenstoffe und elektrische Impulse werden jetzt von einer mehreren Tetrahertz schnellen Rechenmaschine namens Gehirn verarbeitet und ausgesandt um den Körper, der einst mein Gefängnis war, am Leben zu halte.
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