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Donnerstag, 1. September 2011

Klick

Da ist er, der berühmte nächste Morgen, an dem man eigentlich durch Kopfschmerzen und Schnapsatem hindurch sowas wie eine universale Wahrheit zu erkennen glaubt. Der Moment wenn man merkt, dass etwas "Klick" gemacht hat und plötzlich alles wieder gut ist. Aber Bullshit. Nichts ist gut, mein Atem riecht nach Kotze und Schnaps, mein Kopf fühlt sich an wie ein Fledermausnest in einer läutenden Kirchenglocke, aber da hört die Verwandschaft zu dem von früher bekannten Nächster-Morgen-Gefühl auch schon auf. Der Schalter ist kaputt, er macht nicht "Klick", sondern höchstens noch "Krx". Irgendwas hat ihn verklebt oder verkantet. Hab ich ihn vielleicht selbst mit ner halben Rolle Panzerband festgetaped, weil ich Angst hab vor diesem leisen, aber bestimmten "Klick"?
Ratlos stolpere ich zum Waschbecken und halte den Kopf unter eiskaltes Wasser, aber außer noch mehr Kopfschmerzen bringts nichts. Wie fängt man denn so einen Tag an? Keine Ahnung, keine Erfahrung damit. Rastlos tigere ich durchs Haus, stoße zweimal fast mit Frank zusammen, der irgendwas sucht, trinke zwei Tassen Kaffee, muss davon kotzen, will mir ne Tüte bauen, muss aber feststellen dass das Gras verschwunden ist (das sucht Frank also), begnüge mich mit ner filterlosen Zigarette, muss husten, schlucke den Kotzreiz gerade noch so wieder runter, fühl mich scheiße. Einfach scheiße. Nicht antriebslos oder gelangweilt oder depressiv, auch nicht einsam (hab ja Frank, der immer verzweifelter rumrennt), sondern einfach nur so als wär ich schon tot, ohne dass mans meinem Körper schon gesagt hat...

Something About Us

Mein Kopf fühlte sich an, als hätte irgendein verrückter Doc mir mit einem Laser jede zweite Zelle aus dem Hirn gebrannt. Leer fühlte es sich da oben an, verbrannt und irgendwie neblig. Ein leises Klappern hinter mir ließ vermuten, dass jemand versuchte, die Tür zu öffnen ohne dabei den Stuhl umzuwerfen, den ich davorgeschoben hatte, aber ich machte mir nicht die Mühe mich umzudrehen, sondern starrte weiter die bunt vor dem dunkelblauen Novembernachthimmel schimmernde Skyline an. "Weißt du Mann, manchmal is es zwar die Richtige, aber man selbst is nich der Richtige.", nuschelte Pete, lehnte sich rücklings an das Stahlgeländer und schob die Zahnbürste vom linken in den rechten Mundwinkel. "Ey!", blaffte ich ihn an, "Seh ich echt so aus wie jemand, der Beziehungstipps braucht von nem Typ, der seit zwei Tagen mit ner Zahnbürste in der Fresse rumrennt?!" Kurz starrte Pete mich ratlos aus seinen stahlfarbenen Augen an, grinste dann und hielt mir die Zahnbürste hin. "Willst du auch mal? Du stinkst wie ein Penner." Ich stierte ihn an. "Verpiss dich." Die Worte hatte ich eigentlich nur denken wollen, aber Petes einfaches Gemüt schien mir zu verzeihen, noch bevor ich auch nur an eine Entschuldigung denken konnte. "Okay, sag Bescheid wenn du was brauchst. Oder wenn dir jemand deine ungewaschenen Haare halten muss." Ohne ein weiteres Wort schob er sich die Zahnbürste wieder in den Mund, lächelte und verzog sich nach drinnen. Kurz überlegte ich, ihm nachzurufen, entschied mich dann aber doch dagegen, zog ein Haargummi aus der Tasche, band mir die Haare hinten zu einem Zopf zusammen und kotzte mal wieder auf die Straße.
Während ich noch hustend die letzten Reste Magensäure hochwürgte, schoss mir durch den Kopf, dass Pete vielleicht gar nicht so sehr daneben gelegen hatte mit dem was er gesagt hatte. Natürlich war sie die Richtige. Aber war ich der Richtige? Und war die Zeit die richtige? Was hieß überhaupt richtig oder falsch? Kotzebrocken von den Mundwinkeln wischend beschloss ich, der Richtige zu sein. Gleich ab morgen früh...

Montag, 8. August 2011

Verregnet

„Laut den örtlichen Behörden von Tuba City, Arizona gab es bei dem Brand in dem Highway-Restaurant keine Überlebenden.“ – Die Nachrichtensprecherin schaute kurz auf ihre Notizen. – „Es wird vermutet, daß der Brand von den zur Zeit meistgesuchten Verbrechern der Vereinig- ...“ An dieser Stelle schaltete ich das TV-Gerät ab und streckte mich auf der Couch. Die Chipstüte am Fußende fiel raschelnd und knisternd herunter, verstreute ihren Inhalt auf dem Fußboden. Ein kurzer Anflug von Ärger, den ich jedoch sofort wegdrückte, überkam mich. Ich stand auf und räumte das Gröbste weg. Dann beseitigte ich den Rest.
Es regnete eigentlich schon den ganzen Tag und dabei wollten Liz und ich uns eigentlich mit Tripp, Pete und Frank treffen. Ich schaute auf mein Mobiltelephon und legte es wieder fort. Ich gähnte und streckte mich wieder, rieb mir die Augen mit den Fäusten. Während ich so da saß packte mich immer mehr Langeweile. Am liebsten hätte ich mich wieder ins Bett gelegt, aber das wurde komplett von Liz beansprucht und sie mochte es gar nicht geweckt zu werden, also ließ ich sie schlafen. Ich rollte mir fix eine Zigarette und begab mich auf den Balkon um sie zu rauchen. Ich trat durch die Tür hinaus und sogleich trafen mich kleinste Tropfen feuchten Nieselregens. Das störte mich aber nicht. Ich kramte in meiner linken Hosentasche und dann in der rechten, nur um schlußendlich in meiner Sweaterjacke ein Feuerzeug zu finden. Unglaubliche Verpeiltheit. Ich zündete die Zigarette an und tat den ersten Zug. Bittersüßer Rauch quoll meinen Rachen hinab und füllte meine Lungen. Kurz hielt ich ihn ein und stieß ihn dann wieder aus. Der leichte Wind trug die Rauchwolke fort und der Regen zerstieß sie; bis sie nicht mehr erkennbar war vor dem Hintergrund des Grauen Himmels.
Etwas strich über meinen Rücken. Ich drehte mich um.
„Hey Süßer.“ säuselte Liz und lächelte mich verschlafen an.
Sie kam langsam auf mich zu lehnte sich an mich und bewegte meine Zigarettenhand zu ihrem Mund um selbst einen Zug von der Zigarette zu tun. Sie genoß es richtig.
„Hast du gut geschlafen?“
„Hervorragend!“
„Wunderbar.“
Ich streichelte durch ihr Haar und roch daran. Sie trug ein Aroma an sich, das mich dahinschmelzen ließ.
„Was ist mit dem Treffen heute?“ fragte sie leise.
„Ich weiß es nicht. Vielleicht sollte ich absagen und wir schauen einfach einen Film oder machen irgendwas anderes drinnen … das Wetter kotzt mich sowas von an heute.“
„Ach Quatsch, Wolfi! Wir machen das. Laß dir nicht vom Wetter die Laune nehmen.“ antwortete sie viel wacher, als sie eben noch war.
„Na gut.“ sagte ich lächelnd.
Sie drehte sich um, wackelte einmal kurz mit ihrem teuflisch heißen Hintern und ging wieder in das innere der Wohnung. Ich konnte mir ein gigantisches Grinsen nicht verkneifen. Das war immer so, wenn sie das tat.
Als ich aufgeraucht hatte ging ich ebenfalls wieder hinein. Vor dem CD-Regal blieb ich stehen und nahm blind eine hinaus. Eine halbe Minute später ertönte Carry On Wayward Son von Kansas durch die Wohnung und hob meine Stimmung noch einmal erheblich.

Mittwoch, 27. Juli 2011

Where is my mind?

Während sich unsere Lippen vorsichtig zum ersten Mal treffen und ich mich noch frage, woher auf einmal das Feuerwerk vorm Fenster kommt, schleichen sich heimlich die ersten Akkorde von "Where is my mind" von den Pixies in meinen Kopf...
Alles hätte so einfach sein können, so gewöhnlich, so bedeutungslos. Flirt, Kuss, Sex, fertig. Wie hätte ich denn mit so was rechnen können? Wieso können denn ein gar nicht mal so guter Song und ein illegales Kleinfeuerwerk mich dermaßen in die Scheiße reiten? Gefühle ex machinae oder was? Und jetzt sitz ich auf Emotionen, die ich nie wollte. Und auf nassem Waschbeton.
Kalter Regen mischt sich auf meinem Gesicht mit warmem Salzwasser. In einem Spalt in den Betonplatten wächst ein Gänseblümchen. Es scheint sich gegen die schweren Regentropfen zu stemmen. Oder es will sich an ihnen betrinken.
"Betrunkene Gänseblümchen sagen immer die Wahrheit", schießt es mir durch den Kopf. Aber ich scheiß auf Gänseblümchen.
Und Wahrheit gibt es nicht.

Donnerstag, 14. April 2011

Venus im Pelz

Küß mich, beiß mich, saug an meinem Schwanz und steck ihn dir ins Arschloch. Knie dich hin oder reit auf mir, das ist mir wahrlich gleich. Von Interesse ist nur die Sache. Lebe deine Vorlieben aus und nimm mich in dich auf. Ja du versteht. Du sollst mich ficken. Tu es wie keine andere vor dir. Pump mich leer. Noch einmal ist kein Problem. Dann können wir schlafen. Kuschel dich ruhig an mich während meine Suppe deine Beine hinab fließt. Du kannst es. Dann spüre ich deine schweren, von Erschöpfung geformten, Atemstöße an meinem Hals. Unsere Körper sind blutbeschmiert. Nicht dein Blut. Meines. Es sickert noch immer welches in in dicken Tropfen aus den tiefen Schnitten an meinem Arm. Irgendwo hinter dem lichter werdenden Nebel sexueller Extase vernehme ich Musik. Auch die drückende Schwere ist wieder da. Nein, schlaf doch bitte nicht jetzt. Drück mir lieber die Kehle zu oder stich mir das Messer dort in die Brust. Alternaiv fick mich einfach noch einmal.

Freitag, 25. März 2011

Gedankensuppe

Staub und Straßendreck kleben an der Scheibe. Vormalige Wassertropfen haben kleine trübe Kreise geformt. Für den Moment bannen sie mich, wie eines dieser Kinderspiele bei denen man nummerierte Punkte durch Linien verbindet um ein Bild zu erhalten. Allerdings ergeben sie dieses Mal nur Chaos.
Ich spüre das sanfte goldene Licht der Frühlingssonne und schmecke den säuerlichen Nachgeschmack der Plörre, die sich lauthals Bier schimpfen ließ, jedoch allenfalls dem Begriff bierähnliches alkoholisches Spülwasser Rechnung pflichtet.
Die Stadt zieht an mir vorbei während Heretoir meine Ohren verwöhnen und mich nicht zuletzt in eine nahezu angenehme Mischung aus Ästhetik und Melancholie eintauchen, als wäre ich eines dieser gebackenen Bananenstückchen, welche immer noch ein Mal in Honig gebadet werden bevor man sie verzehrt. Allein dieses Gedanken wegen müßte ich vielleicht doch einmal wieder zum Chinesen. Ich war ja eh schon lange nicht mehr mit geliebten Menschen in einem Restaurant.
Gedankliche Stille frißt mich, zerrt sich, während der Bus für einen Moment auf Hochtouren läuft und sogar die Musik meines mp3-Players brachial übertönt.
Ein kurzer Blick genügt – nur ein kurzer Blick. Bis eben ist sie mir nicht aufgefallen. Aber da saß sie wieder. Manchmal zeigt sie sich durch Eindrücke, andere Male ist sie beinahe materiell. Dann sitzt sie vielleicht wie ein Geist neben mir. Ihre Küsse schmecken bitter wie der Rauch von Zigaretten, aber in diesen Momenten ist es als hätte ich nie etwas schöneres geschmeckt. Brennendes Eis.
Ihre Umarmung in diesem Moment schmerzt, obwohl es die erste ist, die ich seit geraumer Zeit spüre.
„Vielleicht solltest du die Einsamkeit heiraten!“ sagt eine sarkastische Stimme in meinem Kopf.
„Fick dich!“ antworte ich.

Montag, 21. Februar 2011

Irgendwie lieb' ich das,

Ich war also so kurz vorm einpennen, als Wolf so etwas wie "wirmüssnlosalter." vor sich hin murmelte. Wäre die Bar vorm Feierabend gewesen, hätte ich das verstanden, doch es war reges Treiben. "Noch'n Bier, Mensch!", hörte ich mich selbst lallen, doch es war für mich eher als würde ich mich in einem Baumstamm verstecken und jemand von der anderen Seite des Baumstamms würde versuchen diesen Satz durch das Astloch zu brüllen. Das Internetradio der Kneipe fing an zu hacken und Wolf schmiss aus Frustration eine Bierflasche gegen die Boxen. "Na wenn ihr auch immer so Schwuli-Punk laufen lasst, isses auch kein Wunder, das die Boxen irgendwann kein' Bock mehr haben."
Der Barkeeper fluchte irgendetwas auf tschechisch und Wolf antwortete mit einem Rülpser der so laut war, das er von Gott selbst hätte kommen können. Ich bekam einen Lachanfall und versuchte meine Kotze immer wieder herunterzuschlucken während mein Kopf immer noch versuchte sich der Oberfläche des Bartisches anzupassen.
"Was nu?", lallte Wolf: "Hardcore jetz' oder Arschlecken?"
"Hardcore jetz'.", murmelte ich ihm entgegen.
Wolf lachte und zog seine Hose aus. Etwa fünf minuten später saßen wir auf dem Mittelstreifen der Straße, welche vor dem Pub lag und schmiedeten Pläne wie wir denn heute noch zu unserem Hotel kommen sollten. Gottseidank gab der Wirt Wolf seine Hose wieder. "Lass ma so Taxi rufen oder so.", sagte Wolf. Ich brüllte aus den tiefen meiner Lunge ein "TAXI!" heraus und reierte im gleichen Atemzug auf den Bordstein. Wolf lachte und drehte mir eine Zigarette. "Lass' ma lieber laufen und so." - "Haja."

Sonntag, 13. Februar 2011

ein Vergleich.

"Nungut ich sitze letzten Sonntag in meinem Zimmer. Kam halt grad von einer Party und wieso nicht noch mit Mucke und Restalk zudröhnen? So einen Tag zu beginnen ist doch gar nicht mal schlecht. Auf jeden Fall habe ich das Gefühl eine Rauchen gehen zu müssen und latsche also vor die Tür. Dort sitzt meine Katze vor einem Schneeberg und schaut in ein Loch, was ich mal vor ein, zwei Tagen da reingepisst habe. Ich frage sie also in meinem Suff: 'Katze, warum wartest du dort auf eine Maus, die sowieso nie kommen wird?' Und dann halte ich inne und lege so symbolisch meine Ohren an. Genauso wie meine Katze eben. Und frage mich einfach den gleichen Scheiß wie die Frage, die ich meiner Katze in dem Moment stellte. Wieso warte ICH auf eine 'Maus', die eh nie kommen wird? Das hat mich unglaublich fertig gemacht, wisst ihr?"
Ich nippte stumm an meinem Mischgetränk und tracs sagte sowas wie "Hast du meine Autoschlüssel gesehen?" Also machten wir uns auf die Suche nach seiner Hose und verließen nach kurzer Zeit die Party. Auf dem Weg zu seinem Passat lief uns eine getigerte Katze über den Weg und ich fragte mich still "Wo willst du hin, Katze? Was ist dein Ziel?"

Freitag, 11. Februar 2011

Ohne Worte

Da saß sie nun doch vor mir. Ich hätte es fast nicht glauben können. Mit ihrer linken Hand griff sie nach dem Pappbecher mit dem Plastikdeckel in dem ein Strohhalm steckte und trank einen Schluck. Mein Blick schweifte hinüber durch die Panoramaglasscheibe zum Parkplatz. Leute liefen, wie Ameisen keinem zunächst ersichtlichen Muster folgend, hier und dort hin. Dann schaute ich wieder zu dem Mädchen mir gegenüber. Ihr rotes Haar war lang, reichte fast bis zu ihrer schmalen Hüfte. Als hinter meinem Rücken jemand die Tür öffnete und einen kalten Stoß Winterluft hinein ließ, erbebten ihre Schultern kurz. Sie schaute mich an und ich sah in ihren blauen Augen, daß sie mich genauso eingängig studierte wie ich sie. Wir sprachen kein Wort. Ich nahm meinen Kaffeebecher und trank ebenfalls einen Schluck. Das Zeug schmeckte grauenhaft. Wenn sie schon eins fünfzig für diese Brühe verlangen, könnte sie wenigstens gut sein – Fehlanzeige.
Das Mädchen kramte in ihrer Handtasche und förderte ein Päckchen Zigaretten zutage. „Gehen wir?“ fragten ihre Augen. Ich nickte lediglich und stand auf. Draußen zündeten wir uns jeder eine Zigarette an. Sie eine aus ihrem Päckchen und ich eine selbstgedrehte. Sie hatte mir ja eine angeboten, was ich allerdings, zumindest freundlich lächelnd, abgelehnt hatte.
Wir wandten uns Richtung Stadt und spazierten gemächlich los. Nach einigen zehn Metern spürte ich ihre Hand an meinem linken Arm und bemerkte mit einem eher beiläufigen Blick, daß sie sich bei mir einhakte. Verträumte schaute sie über die Felder und schien die ersten Sonnenstrahlen des Jahres zu genießen. Aus leichtem Wind wurde allerdings schon bald eine recht steife Briese und ihr Haar flatterte herum. Alles wirkte so unecht auf mich. Als hätte ich es durch die Augen eines Fremden beobachtet. Als wäre nicht ich selbst mit ihr auf diesem Spaziergang gewesen – oder ist es die Erinnerung an das Geschehene, welche zu verblassen scheint? Ich weiß es nicht. Wußte auch damals nicht, was es war.
Als wir die graue Stadt erreichten und langsam wieder mehr Menschen um uns herum wirtschafteten und emsig ihre Vorgärten bearbeiteten, begann auch die Sonne sich langsam gen Horizont zu bewegen und tauchte den Himmel und alles darunter in gelb und orange.
Ich wünschte ich hätte sie geküßt.

Freitag, 28. Januar 2011

Face Down

"Es ist immer leichter über das Nicht-Erreichte zu klagen, als das Erreichte zu bewundern.. so sind wir, die bescheidenen Egoisten."
Ihre Worte dringen wie durch einen Nebelschleier in mein Gehirn vor, aber noch bevor mein angeschlagenes Bewusstsein auf sie reagieren kann, bevor ich ihr sagen kann, dass sie so verdammt recht hat, dass es wehtut, dass ich bescheidener Egoist der mir entgangenen Chance sie zu ficken hinterhertrauere, anstatt mich zu freuen, dass sie mit mir spricht, mich überhaupt erst ansieht, noch bevor ich merke, dass mir womöglich in genau diesem Augenblick eine weitere Chance entgeht, spüre ich das in der Speiseröhre brennende Gemisch aus Magensäure und Galle in mir hochkochen und kotze ihr die rot-gelbe, nach Alkohol, Galle und Blut stinkende Flüssigkeit auf die Füße.
Ich murmele etwas wie "Wer is eigentlich Ben?", und stolpere in die schützende Dunkelheit, in die im Feuerschein tanzenden Schatten des Waldes davon.
Toll. Also voraussichtlich wieder ein Abend der damit endet, dass ich neben einer bedeutungslosen Schlampe nach einer bedeutungslosen Nummer einschlafe. Vielleicht wache ich auch morgen nicht zusammengekauert in den nach Schweiß stinkenden Armen einer bedeutungslosen Schicksalsgefährtin auf, sondern in den nach Kotze stinkenden Überresten einer fast völlig bedeutungslosen Nacht. Aber ganz bestimmt heißt der Song in meinem Kopf wieder "Face Down" ...

Mittwoch, 12. Januar 2011

Tandemluftballong

So sitz ich hier also: Vier Biere und mehrere Schnäpse in der Birne, die Kopfhörer auf den Löffeln, voll aufgedreht, und fahr mir ne Mischung aus Chiptunes, Ambient, Trip-Hop und noch ein paar anderen Underground-Genres rein. Und dabei denke ich an Zeiten, die ich nie erlebt habe, an Momente, die ich so oft geträumt habe, immer in dem Wissen, dass sie an der Grenze zur Wirklichkeit sowieso abgewiesen werden würden und an Gefühle, die so intensiv sind, dass sie mich ganz sicher töten würden wenn ich sie in dieser echten Welt fühlen würde.
Wie von selbst bewegt sich mein Kopf im Groove, meine Augen sind zu, nur ab und an folgen sie meinen Fingern, die auf den schmutzig-weißen Tasten mit den halb verwischten Buchstaben umherhuschen. Ganz weit hinten in meinem Kopf ruft mir etwas zu, ich solle doch einfach so sitzen bleiben, für immer. Ich höre zu. Und immer mehr glaube ich diesem Geist, der mir eine bessere Welt verspricht, eine Welt in der Gefühle nicht durch die Watte der Träume gehen müssen um mein Herz zu finden...

Donnerstag, 4. November 2010

Wir haben verloren

wir krümmen uns
auf teppichen
zusammen
um nicht herunterzufallen
zusammen
um nicht allein zu sein

wir verschmelzen uns
mit flüssigem metall
miteinander
sodass unsere extremitäte nie wieder auseinanderreißen
miteinander
um nicht ohneeinander diese wege zu beschreiten

wir schauen in die sterne
und stehen bewegungslos
nebeneinander
um uns die schönsten bilder des nachthimmels zu zeigen
nebeneinander
um nicht allein in die nacht zu fallen

haben wir verloren?

Dienstag, 14. September 2010

Eine wundervolle Nachgeburt namens Liebe

"Sowas nennt man die Magic Wall.", sagte da Herr Jonas und kotzte unmittelbar danach seinem Partner auf die Schuhe. "Der schmale Grat. Und Sie sind gerade den Abhang heruntergestürzt.", antwortete Herr Meier und reichte Herrn Jonas ein Taschentuch: "In der Liebe ist das normal.
Liebe, Liebe, was soll das eigentlich sein?, dachte sich Herr Jonas und würgte einen weiteren Schwall aus seiner Magengegend. Dieses Mal auf das Kopfsteinpflaster. "Liebe eben, werter Herr.", sagte Meier, als hätte er die Gedanken von Herrn Jonas aufgeschnappt: "Liebe ist so eine eigenartige Sache. Versetzen Sie sich mal in folgende Situation. Sie lernen da so ein Mädchen kennen. Sie verstehen sich gut mit ihr. Richtig gute Freundschaft. Gehen wir dann des weiteren von der Situation aus, das Sie sich in diese Dame verlieben. Sie also, sehr geehrter Herr Vorgesetzter hoffen, dass es auf Gegenseitigkeit beruht. Wie es das Schicksal so will, tut es das auch. Sie kommen also mit dieser Dame zusammen. Können Sie sich bis hier hin in diesen Moment hinein versetzen?"
Herr Jonas nickte, der hält mich wohl für debil, dachte er und wischte sich den Mund ab.
"Nundenn.", fuhr Meier fort: "Sie kommen sich näher, geben sich Nähe, schlafen sogar miteinander. Sie sind dann, wie man es eben so sagt, mit dieser Person 'zusammen'. Sie sind immer noch verliebt, natürlich sind sie das, denn die Dame ist so verständnissvoll. Sie erzählen sich alles, denn es besteht Vertrauen. Ein Starkes. Dann jedoch, nach etwa neun bis zwölf Monaten - das kommt ganz auf die Beziehungsintensität an - verschwindet für Sie das Gefühl. Was bleibt, werden Sie sich nun fragen, werter Herr Jonas. Es ist so etwas wie beste Freundschaft mit routiniertem Körperkontakt. Das Verliebtsein ist die höchste Ebene der Beziehung. Deswegen ist Liebe ein ganz dünner Grat, den man nur seltenst erwischt. Bleiben Sie lieber am Hang stehen, werter Herr."
Von dem Gespräch wird mir ganz duselig, dachte sich Jonas und öffnete die Dose mit den Sonnenblumenkernen. "Von dem Gespräch wird mir ganz duselig." - "Nein, das ist das Ecstasy.", sagte da Herr Meier und widmete sich wieder dem Kadaver seiner Ex-Freundin.

Mittwoch, 18. August 2010

Schwarz VI

Er strich sich mit der linken Hand über das kurze Haar und fischte mit der rechten eine Zigarette aus seiner Brusttasche. Es wirkte wie einstudiert und war tatsächlich eine Bewegungsabfolge die er mehrmals täglich durchführte. Der Mann blickte auf und sah zum Barkeeper hinüber, der gerade mit seinem Kaffee beschäftigt war. Das surren der Senseo und der aromatische Duft eines frisch gebrühten Kaffees verschwammen mit dem Qualm der soeben entzündeten Gauloise zu einer allzusehr gewohnten Melange. Der Barmann stellte die Tasse vor ihn hin. Er bezahlte und gab großzügiges Trinkgeld.
Der sanfte Duft stieg in seine Nase und sorgte für eine leicht belebende Wirkung. Dann trank er. Mild, würzig im Geschmack. Genau wie er es mochte. Er setzte die Tasse wieder auf dem kleinen Tellerchen ab und drückte die Zigarette aus - nicht, ohne vorher noch einen letzten Zug genommen zu haben.
Wie spät war es eigentlich? Er schaute auf die Uhr. Gleich zwölf - dann müßte sie jeden Augenblick kommen. Und in genau dem Moment des Gedankens hielten ihm zwei zarte Hände die Augen zu und er hörte dicht neben seinem Ohr die süße, wärmende Stimme Elaines flüstern: "Hey Raumfahrer!"
Er drehte sich um in der Erwartung sie in die Arme zu schließen, doch mit einem mal Stockte er in der Bewegung. Da stand sie, aber sie bot ein Bild, das er nicht erwartet hatte. Nicht, daß sie nicht umwerfend ausgesehen hätte. Nur eben nicht so, wie er gedacht hatte.
Sie war normal groß - vielleicht eins-siebzig. Ihr Haar war streng zurückgekämmt und zu einem Zopf geflochten. Sie trug eine weiße taillierte Bluse, die ihre Formen sehr schön einfaßte, dazu einen schwarzen Schlips, sowie einen schwarzen knielangen Rock. Ihre Beine steckten in ebenso schwarzen glänzenden Lederstiefeln. über den einen Arm hatte sie den Blazer und das Schiffchen gelegt und um den anderen war die unverkennbare Armbinde der Verteidigungstruppen der Eurasia-Allianz gebunden. Das war eben doch etwas anderes als das rote Kleid vom Vorabend.
"Huch!" entfuhr es ihm und dann nahm er sie in die Arme. "Verdammt! Du siehst umwerfend aus."
"Du stehst wohl auf Mädchen in Uniform?!" sagte sie kichernd und schaute ihn verführerisch an.
Er stand auf, nahm seinen Kaffee und sie gingen in eine der kleinen Sitznischen der Bar, vorbei an staunenden Gesichtern. Er war eben doch ein Hüne und mit seinen fast zwei Metern über einen Kopf größer als das zarte Mädchen an seiner Seite.


"Elaine, weißt du was gerade das Traurige an dem Ganzen ist?" flüsterte er in die Dunkelheit seiner Koje hinein, die Worte wiederholend, die er an jenem Tag zu ihr sagte. "Wenn ich irgendwann zurückkomme von dort oben - falls ich irgendwann zurückkommen sollte - werden auf diesem Planeten mehr als dreihundert Jahre vergangen sein. Ich jedoch werde keine zehn Jahre altern."
Er wurde ausgewählt, weil er keine Angehörigen hatte. Keine Eltern, keine Familie. So gut wie niemand, der ihn vermissen würde. Deswegen darf er der Pilot dieses Fluges ins Ungewisse sein.
Er stand auf, stieß sich den Kopf und fluchte. Dann die alte Bewegungsabfolge. Durchs Haar streichen, zur Brusttasche greifen, Zigarette heraus holen, anzünden. Er faßte sich an die Stirn und rieb sich im selben Zug die Augen. Waren sie tatsächlich etwas benetzt? Er hätte sich diese Trauer nicht zugetraut.
Er ging weiter in die Messe und wies Amber an etwas eßbares zuzubereiten, was er sich anschließend eher widerwillig als mit Genuß zu Gemüte führte. Ununterbrochen dachte er an Elaines unschuldiges, wunderschönes Lächeln.
"Captain." schallte es unvermittelt aus den Boxen.
"Ja, Amber?" Kalt und trocken.
"Sie sollten sich etwas ansehen."
Er verputzte eilig den letzten Rest seiner Mahlzeit und begab sich in die Kommandokapsel, wo er sich direkt auf den 'Chefsessel' setzte, wie er ihn mittlerweile nannte. Ein Blick auf die Anzeigen verriet sofort was los war.
"Amber, sag bitte, daß das nicht wahr ist."
"Ich wünschte ich könnte dem nachkommen, Captain."
Er stieß sich vom Sessel ab, schwebte zurück zur Luke, öffnete sie und begab sich in die Kammer mit den Cryostasiskapseln. Nun noch die richtige finden. L094. Und schon hatte er sie gefunden.
"Gut." sagte er als er vor dem richtigen Tank schwebte. "Amber, Ruf das Notfallprotokoll auf und stoß die Kapsel aus der Dockstation."
Die Kapsel löste sich von der Wand und schwebte ihm entgegen. er empfing sie und war dankbar für das Paar Magnetstiefel, daß er zur Sicherheit angezogen hatte bevor er die Kammer betreten hatte. Langsam Trug er sie zu einem Freien Dock und schloß sie dort wieder an.
"So, Johnny." - der Kamerad hieß Jonathan Mayer, Fahrzeugingenieur - "Ich bin froh, dich nicht jetzt schon wecken zu müssen.
Amber. Laß sämtliche notwendigen Diagnoseprogramme durch das defekte Dock laufen und gib mir anschließend Bescheid. Zeit bis zur Fertigstellung?"
"Drei Stunden und 45 Minuten."
"Sehr gut. Ich bin derweil in der Kommandokapsel." Und damit begab er sich zurück zu den Anzeigen und Bildschirmen ohne noch mal einen Blick zurück zu werfen.
"Noch etwas, Amber." sagte er, als er es sich bequem gemacht hatte - so gut es eben ging. "Über die Sache mit der Anrede müssen wir uns nochmal unterhalten."

Dienstag, 17. August 2010

Wo ist zuhause?

Es fing alles damit an, das David sein Skateboard in der Mitte beim grinden zerbrochen hatte. Er war also total angepisst und wir mussten ihn irgendwo oder mit irgendwas besänftigen. "Fickt euch!", schrie er immer wieder: "Mein Deck is kaputt, ihr könnt mich mal!"Also versuchten wir ihm gut zuzureden und schleppten ihn in irgend eine Kneipe. Bars besänftigen durchdrehende Menschen. Im Hintergrund hörte man das sporadische Pochen der Dartpfeile gegen die Scheibe. Aber meistens war es die Wand, die die Werfer trafen. David spülte schnell seine ersten zwei Bier hinunter, danach konnten wir ihn schon für ein Kickerspiel überzeugen. So etwa bei 3:7 kotzte er auf das Mittelfeld und wir verließen schnell die Kneipe. "Ich hab Hunger.", murmelte er die ganze Zeit.

Als wir ihn nach zwei Stunden nach Hause brachten, schauten wir - das heißt Katha und Ich - uns um. Inmitten von Neubaublocks. Wir setzten uns auf ein paar Schaukeln und schauten uns an. Hinter uns ging die Sonne auf, wir wollten allerdings nicht hin schauen. Das würde uns sowieso nur zeigen, dass wir den Abend übertrieben hatten und voller Sorgen, dass wir heute wieder einmal nichts geschafft haben, ins Bett gehen würden. Also schauten wir uns die Wand von Davids Neubaublock an, still, und ich fasste ihre Hand. Als es zu hell wurde, um den Zeitpunkt als Nacht zu beschreiben, sprang Katha auf und fuhr mit der C-Linie nach Hause. Der Rewe machte gerade auf und ich holte mir zwei Sesam-Brötchen. Ich steh' einfach auf die Scheißteile.

Montag, 21. Juni 2010

So richtig arschfickmäßig ins Abstellgleis

Vor langer Zeit sagte mal irgendjemand zu mir: "Wenn du dein Leben so richtig arschfickmäßig ins Abstellgleis rasen lassen willst, dann besorg dir einfach ein bisschen Heroin und 'ne Spritze, der Rest passiert von allein..." Ob die Worte tatsächlich genau diese waren, kann ich nicht sagen, einzig die Grundaussage und die Formulierung "arschfickmäßig ins Abstellgleis" wurden noch nicht von der braunen Knusperhexe in meinem Lebkuchenkopf verbrannt. Der Name dieses so merkwürdig der Welt entrückt wirkenden Individuums, das mir, meine jugendliche Schwäche ausnutzend, einen diabolischen Ratschlag gab, ist mir irgendwo auf dem Weg verlorengegangen, ebenso wie sein Gesicht, deshalb male ich ihn so wie ich ihn mir vorstelle an die Außenwände der U-Bahn auf dem Abstellgleis; ein Dämon, getarnt als gute Fee, und nur der Ziegenhuf und die winzigen Hörner auf der Stirn verraten ihn. "Ein Kind kennt doch keine Dämonen..." Ein Schriftzug, den ich bereits in vielen Nächten im Rausch und kurz vor dem wohligen Einschlafen auf dem Schotter auf Züge geschmiert habe, stets neben eine Dämonen-Fee.

Vor nicht ganz so langer Zeit sagte mal irgendjemand zu mir: "Ich liebe dich." Aber ich war so sehr mit meinem Rausch beschäftigt, dass ich den Namen dieser Person schon lange vergessen habe. Auch hier kein Gesicht vor meinem inneren Auge, ich weiß nur dass sie weinte, aber ich schätze diese Frau könnte jetzt weinend vor mir sitzen und ich würde sie nicht erkennen. Also male ich sie so, wie ich sie mir vorstelle, wunderschön, mit einer Träne auf der Wange und leicht verlaufener Schminke. Darunter die Worte: "Ich liebe dich auch."

Gerade jetzt sitze ich im Schneidersitz neben dem Abstellgleis. Scheiße, ich war jung, unerfahren, ein bisschen dumm wohl auch. Aber vor allem verzweifelt. Die Verzweiflung verflog mit dem ersten Schuss. Aber jetzt gibt es keine Steigerung mehr für das was ich fühle. Es ist nicht mehr der feste Knoten in der Brust, nicht mehr der stechende Schmerz oder das dumpfe Taubheitsgefühl, es ist etwas, das Worte nicht mehr beschreiben können. So sitze ich hier also, die golden angemalte Spritze neben mir und sehe das Licht aus der Ferne auf mich zukommen. Ein Zug? Falls ja, dann rast er so richtig arschfickmäßig in mein Abstellgleis.

Dienstag, 8. Juni 2010

Untitled 003

Zurück zum Ursprung des Gedanken
leitet mich die leere Umhüllung meines Ichs.
Allein gelassen sitzt die kleine - meine - Seele
auf einem viel zu großen Stuhl.

Trauer wiegt schwer,
wie des Dæmons kalte Hand
mein Herz zerreißt.

Tiefer Schmerz in meiner Brust.
Atme!
Niemand da!
Ich blicke mich um.
Nur graue Gestalten watscheln durch den Nebel.
Niemand sieht mich an.
Niemand hört mein Klagen.

Meinem Herzen,
zerfetzt und zerrissen
zu gleichen Teilen in
Haß,
Wut,
Liebe
und
Schmerz,
sehnt es nach Einigung.

Sonne brich durch den Nebel.
Laß mich sehen ...
Laß mich lieben ...

Einsamkeit

Als nun dort wir saßen,
Gefangene unserer Gefühle
In einem Kerker aus Haß und Liebe.
Von einer Wand zur nächsten
Gehe ich auf und ab,
Ab und zu im Kreis.

Kampf der Seelen,
Krieg der Geister
Nannte ich es
- doch nichts von dem
Kam dem gleich
Was ich erlebte.
Und wieder endete es im Kreis.

Ich schließe sie nun in meine Arme,
Meine Gefühle übermannen mich.
Und wieder sterbe ich
Ein weiteres sinnloses Mal.
Tot und leben;
Ein Kreis ohne Ausgang;
Eine Straße ohne Abzweig.

Montag, 31. Mai 2010

Finis Terrae

Die Schneeflocken hier fielen langsam, schienen fast schon der Gravitation zu trotzen. Irgendwo schien die Sonne. Wir sahen sie an den Bäumen und Häuserwänden hochkriechen. Doch wir saßen im Schatten. Keine Sonne irgendwo zu sehen. Da waren wir. Am Ende der Welt. Ab und an kam ein Bus. Menschen stiegen ein, stiegen aus, verweilten hier nicht länger, als eine Zigarettenpause. Chris und ich saßen schon geschlagene zwei Stunden hier. Wir ließen unsere Füße über den Rand der Erde baumeln und spuckten hinunter in das Universum. Es war ein eigenartiges Gefühl hier zu sein. Nirgendwo auf diesem Planeten schien man weiter blicken zu können, als hier. Kein Vergleich zu Bergen oder Hochäusern. Ich drehte uns zwei saubere Zigaretten und Chris machte Musik an. Es fühlte sich an, als würden wir in einer riesengroßen Fruchtblase schwimmen, als die Stimme der Sängerin einsetzte und für einen Moment dachte ich, dass diese Zigarette hier die einzige Nabelschnur ist, welche mich verbindet mit der Welt, den Menschen, unseren toten, lebenden und noch nicht geborenen Göttern und der letzten Frau, deren Brüste ich vor Äonen liebkost hatte. Wir saßen so noch einige Stunden. Dann fraß uns die Sonne und ließ nur unsere Schatten und zwei glühende Zigarettenstummel zurück.

Mittwoch, 26. Mai 2010

Ach du Scheiße

Ich renne durch einen langen Gang und hinter mir ist eine Horde verrückter Gynäkologen her. Das weiß ich aber auch nur, weil sie die ganze Zeit mit diesen schrägen Frauenarztsesseln nach mir schmeißen. Anstatt zu schreien, geben sie in monotonen Piepen die fünfte Symphonie Ludwig van Beethovens von sich.

Vielleicht kennen Sie diese Situation, wenn sie durch das Klingeln eines Telefones geweckt werden und Ihre Träume dieses Geräusch mit verarbeiten. Egal.
Jedenfalls kommt mir dieser Raum verflucht unbekannt vor. Ich höre eine, etwa fünfundzwanzigjährige Frau telefonieren, außerhalb des Raumes. Dann wird aufgelegt, was ich am Klicken der Hauptstation des Telefons hören kann. Auch dieses gefühl kennen Sie vielleicht: "Gottverdammt, wo bin ich?" Ein Mädchen, was viel jünger ist, als ihre Stimme erscheint, kommt in schlabbrigen Schlafshorts und einem "Toten Hosen"-T-Shirt in das Zimmer und springt auf das Bett. Sie setzt sich breitbeinig auf meinen Schoß, der sicher durch meine Morgenlatte recht unbequem ist.
"Naa, gut geschlafen?"
"Ja, danke."

Sie beugt sich über mich, ihre dunkle, lockigen Haare fließen um meinen Kopf, als sie mir mit ihren, vom Alkohol der gestrigen Nacht ausgetrockneten Lippen einen Kuss gibt. Ihr Brüste berühren durch das Shirt durch sanft meinen Brustkorb und legen sich minimalistisch auf meinen Körper. Keine Ahnung, ob ich mit ihr schlief, wenn ich es tat, dann möchte ich es verdammt nochmal ein zweites Mal tun.
"Wo ist deine Toilette?"
"Zimmer raus, erste rechts."

Wenn man versucht bei seinem Morgenschiss so leise, wie möglich zu sein, ist ein Tiefspülbecken nicht förderlich. Was tut man also in dieser Situation? Man nimmt drei bis fünf Lagen Toilettenpapier und schmeißt sie in das Klo, damit der aufprallende Kot vom Geräusch her gedämpft wird. Wahrscheinlich bürstet sie sich gerade die Haare, als ich hier sitze und einen auf Schalldämpferschiss zelebriere.

Das Frühstück fällt aus. Eine Kippe und ein Kuss auf ihre trockenen Lippen komplettieren den Abschied und ich schieße mit offenen Chucks aus der Haustür. Wenn ich irgendwo einen Bahnhof finden sollte, fahre ich schnellstmöglich nach Hause.